Gesundheitskompetenz: Warum Gesundheitswissen allein nicht ausreicht
Wie gut verstehen wir eigentlich unsere Gesundheit?
Eine Diagnose verstehen, Informationen über Medikamente recherchieren, Behandlungsmöglichkeiten vergleichen oder sich im Gesundheitssystem zurechtfinden: All das gehört für viele Menschen zum Alltag. Besonders dann, wenn sie mit einer chronischen Erkrankung leben.
Doch Gesundheitsinformationen sind nicht immer leicht verständlich. Medizinische Fachbegriffe, widersprüchliche Aussagen im Internet und komplizierte Versorgungsstrukturen machen es oft schwer, den Überblick zu behalten.
Genau hier kommt die sogenannte Gesundheitskompetenz, im Englischen Health Literacy, ins Spiel.
Aber was bedeutet Gesundheitskompetenz eigentlich? Welche unterschiedlichen Formen gibt es? Und wie gesundheitskompetent ist die Bevölkerung in Deutschland?
In diesem Bericht möchte ich gerne diese Fragen aufgreifen und beantworten.
1. Was bedeutet Gesundheitskompetenz?
Gesundheitskompetenz beschreibt die Fähigkeit,
- gesundheitsbezogene Informationen zu finden,
- zu verstehen,
- kritisch zu bewerten
- und für eigene Entscheidungen anzuwenden.
Es geht dabei nicht darum, selbst medizinische Fachperson zu werden oder möglichst viele medizinische Fakten auswendig zu kennen.
Entscheidend ist vielmehr, ob Menschen die Informationen erhalten und nutzen können, die sie für ihre Gesundheit benötigen.
Dazu gehört beispielsweise, die Informationen zu einem Medikament zu verstehen, die Vor- und Nachteile einer Behandlung einschätzen zu können oder zu wissen, an wen man sich mit einer gesundheitlichen Frage wenden kann.
Gesundheitskompetenz ist aber nicht ausschließlich eine persönliche Fähigkeit. Sie entsteht im Zusammenspiel zwischen den Möglichkeiten eines Menschen und den Anforderungen, die seine Umgebung an ihn stellt.
Ein medizinischer Befund kann noch so ausführlich sein: Wenn er ausschließlich aus komplizierten Fachbegriffen besteht, hilft er vielen Menschen nur sehr begrenzt weiter.
Das bedeutet auch: Wenn jemand Schwierigkeiten hat, medizinische Informationen zu verstehen, liegt das Problem nicht zwangsläufig bei dieser Person. Die Informationen selbst können unnötig kompliziert sein.
Die vier grundlegenden Fähigkeiten der Gesundheitskompetenz
Ein häufig verwendetes wissenschaftliches Modell unterscheidet vier grundlegende Fähigkeiten:
1. Informationen finden
Wo bekomme ich Informationen zu einer Erkrankung, einem Medikament oder einer Behandlung? Welche Informationsangebote stehen mir zur Verfügung?
Dabei spielt auch eine Rolle, ob verlässliche Informationen überhaupt zugänglich sind.
2. Informationen verstehen
Kann ich nachvollziehen, was in einem Arztbrief steht? Verstehe ich, was eine Diagnose bedeutet oder welche möglichen Nebenwirkungen ein Medikament hat?
Medizinische Informationen enthalten häufig Begriffe und Zusammenhänge, die ohne entsprechendes Vorwissen nur schwer verständlich sind.
3. Informationen bewerten
Nicht jede Gesundheitsinformation ist automatisch richtig oder wissenschaftlich fundiert.
Wer hat die Information veröffentlicht? Auf welchen Daten beruht sie? Werden mögliche Interessenkonflikte offengelegt? Und wie zuverlässig sind die genannten Ergebnisse?
Besonders im Internet ist diese Fähigkeit wichtig, da wissenschaftliche Erkenntnisse, persönliche Erfahrungsberichte und kommerzielle Werbung oftmals direkt nebeneinanderstehen.
4. Informationen anwenden
Gesundheitsinformationen sollen nicht nur verstanden werden. Sie sollen auch dabei helfen, Entscheidungen zu treffen.
Das kann beispielsweise bedeuten, gemeinsam mit einer Ärztin oder einem Arzt zwischen verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten abzuwägen.
Dabei müssen medizinische Informationen immer auch zur individuellen Situation, den eigenen Bedürfnissen und persönlichen Prioritäten passen.
Die vier Kompetenzniveaus
In wissenschaftlichen Erhebungen wird Gesundheitskompetenz häufig mithilfe standardisierter Fragebögen untersucht.
Die Ergebnisse können anschließend unterschiedlichen Kompetenzniveaus zugeordnet werden.
Die HLS-GER-3-Studie verwendet folgende vier Kategorien:
Inadäquate Gesundheitskompetenz
Menschen dieser Gruppe berichten erhebliche Schwierigkeiten beim Umgang mit Gesundheitsinformationen.
Problematische Gesundheitskompetenz
Gesundheitsinformationen können teilweise genutzt werden, bereiten in verschiedenen Situationen aber deutliche Schwierigkeiten.
Ausreichende Gesundheitskompetenz
Der Umgang mit Gesundheitsinformationen gelingt überwiegend gut.
Exzellente Gesundheitskompetenz
Die Befragten berichten einen besonders sicheren Umgang mit den untersuchten Informationsanforderungen.
!!! Wichtig ist, dass diese Kategorien keine medizinischen Diagnosen darstellen. Sie beruhen auf Fragebogenergebnissen und festgelegten Grenzwerten.
Außerdem bedeutet ein als exzellent eingestuftes Ergebnis nicht, dass jemand sämtliche medizinischen Informationen korrekt verstehen oder bewerten kann.
Gesundheitskompetenz hängt immer auch von der jeweiligen Situation ab. Ein Mensch kann sich mit seiner eigenen Erkrankung hervorragend auskennen und gleichzeitig Schwierigkeiten haben, Informationen zu einer völlig anderen Erkrankung einzuordnen.
2. Welche Formen der Gesundheitskompetenz gibt es?
Gesundheitskompetenz ist kein einzelnes, klar abgrenzbares Wissen. In der Wissenschaft existieren unterschiedliche Modelle, die verschiedene Fähigkeiten und Anwendungsbereiche beschreiben.
Ein bekanntes Modell des Gesundheitswissenschaftlers Don Nutbeam unterscheidet zwischen funktionaler, interaktiver und kritischer Gesundheitskompetenz.
Funktionale Gesundheitskompetenz
Die funktionale Gesundheitskompetenz umfasst grundlegende Fähigkeiten, die notwendig sind, um gesundheitsbezogene Informationen zu verstehen und im Alltag zu nutzen.
Dazu zählen beispielsweise das Lesen und Verstehen von Medikamenteninformationen oder das Erfassen einfacher medizinischer Anweisungen.
Ein Beispiel:
Eine Person erhält ein neues Medikament und kann dem Beipackzettel entnehmen, wie es angewendet werden soll und welche Warnhinweise zu beachten sind.
Interaktive Gesundheitskompetenz
Die interaktive Gesundheitskompetenz geht darüber hinaus.
Sie beschreibt die Fähigkeit, Gesundheitsinformationen im Austausch mit anderen Menschen zu nutzen und sich aktiv an Gesprächen und Entscheidungen zu beteiligen.
Das kann bedeuten, im Arztgespräch gezielt nachzufragen, eigene Beschwerden nachvollziehbar zu schildern oder gemeinsam mit medizinischem Fachpersonal unterschiedliche Möglichkeiten abzuwägen.
Ein Beispiel:
Eine Patientin möchte wissen, welche Behandlungsmöglichkeiten für ihre Erkrankung bestehen. Sie kann ihre Fragen formulieren, Informationen einordnen und ihre persönlichen Bedürfnisse in das Gespräch einbringen.
Kritische Gesundheitskompetenz
Kritische Gesundheitskompetenz beschreibt die Fähigkeit, Gesundheitsinformationen zu hinterfragen, ihren Kontext zu berücksichtigen und mögliche Interessen oder Einflussfaktoren zu erkennen.
Dazu gehört beispielsweise, wissenschaftliche Studien nicht nur anhand ihrer Schlagzeilen zu beurteilen.
Eine Studie kann statistisch signifikante Ergebnisse liefern, ohne dass daraus automatisch ein großer praktischer Nutzen für Patientinnen und Patienten entsteht.
Ebenso bedeutet ein persönlicher Erfahrungsbericht nicht, dass eine Behandlung bei anderen Menschen dieselbe Wirkung erzielt.
Kritische Gesundheitskompetenz hilft dabei, solche Unterschiede zu erkennen und Informationen fundierter einzuordnen.
Weitere Bereiche der Gesundheitskompetenz
Neben diesen drei grundlegenden Formen werden in der Forschung weitere, spezifische Bereiche unterschieden.
Digitale Gesundheitskompetenz
Immer mehr Gesundheitsinformationen werden über Internetseiten, soziale Medien, Gesundheits-Apps oder digitale Patientenportale vermittelt.
Digitale Gesundheitskompetenz umfasst die Fähigkeit, diese Angebote zu nutzen, digitale Informationen zu beurteilen und ihre Bedeutung für die eigene Gesundheit einzuschätzen.
Das wird besonders relevant, wenn Informationen über Suchmaschinen, soziale Medien oder KI-Anwendungen abgerufen werden.
Eine überzeugende Darstellung ist schließlich noch kein Beleg für wissenschaftliche Richtigkeit.
Navigationale Gesundheitskompetenz
Das deutsche Gesundheitssystem ist komplex. Unterschiedliche Fachrichtungen, Kostenträger, Beratungsstellen und Zuständigkeiten können die Orientierung erheblich erschweren.
Navigationale Gesundheitskompetenz beschreibt die Fähigkeit, sich innerhalb solcher Strukturen zurechtzufinden und passende Angebote zu nutzen.
Dazu gehört beispielsweise zu wissen, welche Anlaufstelle bei bestimmten Beschwerden zuständig ist, wie man eine Zweitmeinung erhält oder an wen man sich bei Fragen zur Kostenübernahme wenden kann.
Gerade Menschen mit chronischen Erkrankungen benötigen häufig Leistungen aus unterschiedlichen Bereichen des Gesundheitssystems. Die Orientierung wird dadurch zu einer zusätzlichen Herausforderung.
Kommunikative Gesundheitskompetenz
Ein weiterer wichtiger Bereich ist die Kommunikation zwischen Patientinnen und Patienten und Gesundheitsberufen.
Können medizinische Fragen gestellt werden? Werden die Antworten verständlich vermittelt? Besteht die Möglichkeit, Unsicherheiten anzusprechen?
Gute Kommunikation setzt dabei nicht nur entsprechende Fähigkeiten auf Patientenseite voraus.
Auch Gesundheitsfachpersonen müssen Informationen verständlich vermitteln, Rückfragen ermöglichen und sicherstellen, dass wichtige Inhalte nachvollzogen werden können.
Die verschiedenen Kompetenzformen und Anwendungsbereiche überschneiden sich teilweise. Sie sollten deshalb nicht als vollständig voneinander unabhängige Fähigkeiten verstanden werden.
3. Wie gesundheitskompetent ist Deutschland?
Wie groß die Herausforderungen im Umgang mit Gesundheitsinformationen tatsächlich sind, zeigen aktuelle wissenschaftliche Untersuchungen.
Besonders interessant sind zwei neuere Erhebungen: der dritte Health Literacy Survey Germany (HLS-GER 3) und eine Auswertung des Robert Koch-Instituts (RKI).
HLS-GER 3: Mehr als die Hälfte hat Schwierigkeiten
Die Ergebnisse des HLS-GER 3 wurden im Oktober 2025 vorgestellt.
Die Studie untersuchte die Gesundheitskompetenz der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland und ermöglicht auch einen Vergleich mit der vorherigen Erhebung.
Das zentrale Ergebnis: 55,7 % der Bevölkerung weisen eine geringe allgemeine Gesundheitskompetenz auf.
Im Einzelnen verteilen sich die Ergebnisse folgendermaßen:
| Kompetenzniveau | Anteil |
|---|---|
| Inadäquat | 27,1 % |
| Problematisch | 28,6 % |
| Ausreichend | 26,3 % |
| Exzellent | 18,1 % |
Die beiden ersten Kategorien werden dabei als geringe Gesundheitskompetenz zusammengefasst.
Verglichen mit der Vorgängerstudie HLS-GER 2 hat sich die Situation leicht verbessert. Damals lag der Anteil mit geringer Gesundheitskompetenz bei 58,8 %.
Das entspricht einem Rückgang um 3,1 Prozentpunkte.
Trotz dieser Verbesserung hat weiterhin mehr als die Hälfte der Bevölkerung erhebliche Schwierigkeiten bei der Verarbeitung von Gesundheitsinformationen.
Orientierung im Gesundheitssystem bleibt ein großes Problem
Besonders auffällig sind die Ergebnisse zur navigationalen Gesundheitskompetenz.
82 % der Bevölkerung weisen laut HLS-GER 3 eine geringe navigationale Gesundheitskompetenz auf.
Das bedeutet, dass ein sehr großer Teil der Menschen Schwierigkeiten bei der Orientierung im Gesundheitssystem und dem Umgang mit entsprechenden Informationen berichtet.
Dabei geht es beispielsweise um Informationen über Patientenrechte, zuständige Einrichtungen oder verfügbare Versorgungsangebote.
Diese Ergebnisse werfen auch eine grundsätzliche Frage auf:
Ist das Problem tatsächlich, dass Menschen sich nicht ausreichend mit dem Gesundheitssystem beschäftigen? Oder sind dessen Strukturen so kompliziert, dass selbst informierte Menschen Schwierigkeiten haben, sich darin zurechtzufinden?
Wahrscheinlich müssen beide Seiten berücksichtigt werden. Die besonders hohen Werte bei der navigationalen Gesundheitskompetenz zeigen jedenfalls, dass Verbesserungen nicht allein durch zusätzliche Informationsangebote erreicht werden können.
Auch die Strukturen selbst müssen verständlicher und zugänglicher werden.
Gesundheitskompetenz ist sozial ungleich verteilt
Ein weiterer wichtiger Befund des HLS-GER 3 betrifft die Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen.
Menschen mit einem niedrigeren sozialen Status, finanziellen Schwierigkeiten oder niedrigerem Bildungsniveau weisen überdurchschnittlich häufig eine geringe Gesundheitskompetenz auf.
So liegt der Anteil geringer allgemeiner Gesundheitskompetenz bei Menschen mit niedrigem Sozialstatus bei 73,3 %. Bei Befragten mit finanzieller Benachteiligung sind es 72,3 % und bei Menschen mit niedriger Bildung 71,1 %.
! Dabei darf aus diesen Zahlen nicht geschlossen werden, dass geringe Gesundheitskompetenz einfach die Folge mangelnder Bildung ist.
Finanzielle Mittel, der Zugang zu Informationen, sprachliche Barrieren, zeitliche Ressourcen und Erfahrungen mit dem Gesundheitssystem können ebenfalls eine Rolle spielen.
Gesundheitskompetenz ist damit nicht nur ein individuelles, sondern auch ein gesellschaftliches Thema.
RKI-Studie 2026: Noch höhere Werte
Im April 2026 veröffentlichte das Robert Koch-Institut eine weitere Untersuchung zur allgemeinen Gesundheitskompetenz.
Die Auswertung basiert auf Daten des RKI-Panels „Gesundheit in Deutschland“ aus dem Jahr 2024. Insgesamt wurden die Angaben von 26.817 Erwachsenen berücksichtigt.
Das Ergebnis fällt deutlich höher aus als beim HLS-GER 3.
Laut RKI weisen 81,3 % der Frauen und 81,0 % der Männer eine geringe allgemeine Gesundheitskompetenz auf.
Auch in dieser Untersuchung zeigt sich ein Zusammenhang zwischen Bildung und Gesundheitskompetenz: Menschen mit einem hohen Bildungsniveau weisen seltener eine geringe Gesundheitskompetenz auf.
Doch warum unterscheiden sich die Ergebnisse der beiden Studien so deutlich?
55,7 % oder 81 %: Welche Zahl ist richtig?
Auf den ersten Blick wirken die Ergebnisse widersprüchlich.
Der HLS-GER 3 spricht von 55,7 % der Bevölkerung mit geringer Gesundheitskompetenz, während die RKI-Erhebung auf rund 81 % kommt.
Entscheidend ist jedoch, dass beide Studien zwar ähnliche Fragestellungen untersuchen, dafür aber unterschiedliche Methoden verwenden.
Der HLS-GER 3 nutzt für die allgemeine Gesundheitskompetenz einen umfangreichen Fragebogen mit 47 Aufgaben beziehungsweise Fragen. Die RKI-Auswertung verwendet dagegen eine validierte Kurzfassung mit zwölf Fragen.
Darüber hinaus unterscheiden sich die Stichproben und Befragungsverfahren. Beide Untersuchungen berechnen Kennwerte und ordnen die Ergebnisse anhand festgelegter Grenzwerte unterschiedlichen Kompetenzniveaus zu.
Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht ohne Weiteres direkt miteinander vergleichen.
Aus den unterschiedlichen Prozentwerten kann beispielsweise nicht geschlossen werden, dass sich die Gesundheitskompetenz innerhalb kurzer Zeit massiv verschlechtert hat.
Ebenso wenig sollte man allein anhand der größeren Stichprobe entscheiden, welche Untersuchung grundsätzlich die bessere ist.
Beide Studien liefern wichtige Informationen, allerdings unter ihren jeweiligen methodischen Voraussetzungen.
Die gemeinsame Aussage bleibt: Ein erheblicher Teil der Bevölkerung berichtet Schwierigkeiten beim Umgang mit Gesundheitsinformationen.
(Quellen am Artikelende)
4. Warum ist Gesundheitskompetenz besonders bei chronischen Erkrankungen wichtig?
Menschen mit chronischen Erkrankungen müssen sich häufig über viele Jahre mit ihrer gesundheitlichen Situation auseinandersetzen.
Sie erhalten Diagnosen, müssen Therapieentscheidungen treffen, medizinische Untersuchungen verstehen und möglicherweise unterschiedliche Fachrichtungen miteinander koordinieren.
Hinzu kommt, dass medizinisches Wissen nicht statisch ist. Neue Studien, Behandlungsmöglichkeiten und wissenschaftliche Erkenntnisse können bisherige Empfehlungen verändern.
Gerade deshalb ist es wichtig, Gesundheitsinformationen nicht nur zu erhalten, sondern sie auch verstehen und kritisch einordnen zu können.
Allerdings kann auch ein hohes Maß an Gesundheitskompetenz die Belastungen einer chronischen Erkrankung nicht vollständig ausgleichen.
Schmerzen, Fatigue, kognitive Einschränkungen oder psychische Belastungen können es erschweren, umfangreiche Informationen zu verarbeiten oder sich mit komplizierten Anträgen und Versorgungswegen auseinanderzusetzen.
Das bedeutet nicht automatisch, dass es diesen Menschen grundsätzlich an Gesundheitskompetenz fehlt.
Vielmehr können gesundheitliche Einschränkungen die Nutzung vorhandener Fähigkeiten erschweren.
Umso wichtiger ist es, Informationen und Versorgungsangebote so zu gestalten, dass sie auch unter erschwerten Bedingungen zugänglich und verständlich bleiben.
5. Wer trägt die Verantwortung für Gesundheitskompetenz?
Wenn Studien zeigen, dass große Teile der Bevölkerung Schwierigkeiten mit Gesundheitsinformationen haben, liegt eine Schlussfolgerung nahe:
Menschen müssen besser informiert und geschult werden.
Das ist sicherlich ein Teil der Lösung. Es wäre jedoch zu kurz gedacht, die Verantwortung ausschließlich bei Patientinnen und Patienten zu suchen.
Auch Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte, Gesundheitseinrichtungen, Krankenkassen, Forschung, Politik und Medien tragen Verantwortung.
Gesundheitsinformationen sollten verständlich, wissenschaftlich fundiert und möglichst barrierearm verfügbar sein.
Im medizinischen Gespräch muss ausreichend Raum für Fragen bestehen. Risiken und Nutzen von Behandlungen sollten nachvollziehbar erklärt werden.
Und auch die Strukturen des Gesundheitssystems sollten so gestaltet sein, dass Menschen notwendige Leistungen und Informationen finden können, ohne sich zunächst durch einen Dschungel an Zuständigkeiten kämpfen zu müssen.
Gesundheitskompetenz zu fördern bedeutet deshalb nicht nur, Menschen mehr Wissen zu vermitteln.
Es bedeutet auch, die Voraussetzungen zu schaffen, unter denen informierte Entscheidungen überhaupt möglich sind.
Fazit: Gesundheitskompetenz geht uns alle an
Gesundheitskompetenz betrifft nicht nur Menschen mit einer Erkrankung. Jeder Mensch kann irgendwann vor der Situation stehen, medizinische Informationen verstehen oder eine schwierige gesundheitliche Entscheidung treffen zu müssen.
Die aktuellen Studien zeigen, dass dies für große Teile der Bevölkerung mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden ist.
Ein besserer Zugang zu verständlichen und verlässlichen Informationen ist deshalb ebenso wichtig wie die Förderung individueller Fähigkeiten.
Denn gute Gesundheitskompetenz bedeutet nicht, alles über Medizin wissen zu müssen.
Sie bedeutet, Informationen einordnen, Fragen stellen und auf einer möglichst fundierten Grundlage Entscheidungen treffen zu können.
Und sie setzt ein Gesundheitssystem voraus, das Menschen dabei unterstützt, statt ihnen zusätzliche Hürden in den Weg zu legen.
Wissenschaftliche Quellen und weiterführende Literatur
1. Schaeffer et al. (2025): Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland. HLS-GER 3. Universität Bielefeld, Charité und Hertie School. Offizielles Factsheet (PDF). Die Quelle enthält die vier Kompetenzniveaus und Ergebnisse zur sozialen Ungleichheit
2. Jordan, S. & Löbl, S. (2026): Die allgemeine Gesundheitskompetenz Erwachsener in Deutschland. Ergebnisse des Panels „Gesundheit in Deutschland“ 2024. Journal of Health Monitoring, Robert Koch-Institut. Originalpublikation. Grundlage der 81-%-Angabe, 26.817 Befragte.
3. Sørensen et al. (2012): Health literacy and public health: A systematic review and integration of definitions and models. BMC Public Health, 12, 80. Originalpublikation. Wissenschaftliche Grundlage der vier Fähigkeiten und verschiedener Gesundheitskompetenzmodelle.
4. Robert Koch-Institut (2026): Gesundheitskompetenz / Health Literacy. Themenseite des RKI. Zur Bedeutung individueller Fähigkeiten und gesundheitskompetenzfördernder Strukturen.
5. Universität Bielefeld (2025): Ergebnisse des HLS-GER 3. Projektseite mit Ergebnissen und weiterführenden Materialien. Besonders zur navigationalen und digitalen Gesundheitskompetenz.